Wissenswertes über Verhaltensprobleme

Die tierärztliche Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie verknüpft Disziplinen der Verhaltens- und Lernbiologie mit klinischen Fachrichtungen (Neurologie, Innere Medizin, Endokrinologie, Pharmakologie,...) und Kenntnissen aus der Psychologie und Psychopharmakologie.

Sie ist somit zu einem Spezialgebiet der Tiermedizin geworden, die eine mehrjährige Zusatzausbildung erfordert.

In der Verhaltensmedizin werden die psychischen und organischen Ursachen von Verhaltensproblemen und Verhaltensstörungen diagnostiziert und durch therapeutische Maßnahmen, sowie gegebenenfalls mithilfe unterstützender Medikamente behandelt.

Ziele einer Verhaltenstherapie (im Gegensatz zur reinen "Symptombekämpfung und -unterdrückung") wären also z.B.

Bei einem Hund, der sich aufgrund einer isolierten Aufzucht unsicher in Gegenwart von fremden Menschen verhält und oft anfängt zu bellen oder zu knurren, sobald diese auf ihn zukommen: eine Verminderung der zugrunde liegenden Angst und die Möglichkeit in der Nähe von fremden Menschen zu entspannen, anstatt nur das "Symptom" Bellen/Knurren zu verbieten...

Bei einer Katze, die aufgrund einer Blasenentzündung angefangen hat, die anscheinend Schmerzen zufügende Katzentoilette im Badezimmer zu meiden und stattdessen Harn auf Textilien im Badezimmer abzusetzen: eine medizinische Behandlung der Blasenentzündung und gezielte Wiedergewöhnung an das Substrat Katzenstreu und das Betreten des Badezimmerfußbodens, anstatt die Katze beim Harnabsatz außerhalb der Katzentoilette zu bestrafen oder sie bei Abwesenheit des Besitzers ins Badezimmer einzusperren...

Anders als in der "normalen" Erziehung oder Ausbildung werden in der Verhaltenstherapie also nicht nur erwünschte Verhaltensweisen auftrainiert oder unerwünschte Verhaltensweisen abtrainiert, sondern vor allem die zugrunde liegenden Gefühlszustände (z.B. Angst) und die bestehenden Reaktionsmuster (z.B. Aggression) auf die Umwelt geändert.

Die hierzu erforderlichen Techniken und Maßnahmen können, anfänglich unter genauer Anleitung des auf Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie spezialisierten Tierarztes, vom Besitzer sehr bald selbst im Alltag umgesetzt werden.

Der Besitzer wird im Laufe der Behandlung weiterhin lernen:

  • Das Verhalten seines Tieres besser zu verstehen,
  • seine eigenen Verhaltensmuster im Umgang mit dem Tier zu durchschauen,
  • schwierige Situationen im voraus zu erkennen, bzw. zu lösen oder zu umgehen,
  • die Gefühle und Stimmungen seines Tieres im Alltag besser zu beeinflussen und
  • dem Tier geeignete Alternativen zu unerwünschtem und fehlgerichtetem Verhalten aufzutrainieren, bzw. dieses schonend abzubrechen oder umzulenken.
  • In vielen Fällen braucht es mehrere Wochen oder Monate, bis sich eingefahrene Verhaltensmuster im Gehirn umstrukturiert haben, meist wird jedoch durch geeignete Maßnahmen im täglichen Umgang und der Haltung eine schnelle Verbesserung der akuten Problemsituation erreicht.

Unabhängig vom Alter des Tieres können fast alle Verhaltensprobleme und Verhaltensstörungen beim Hund oder bei der Katze verhaltensmedizinisch/verhaltenstherapeutisch behandelt werden. Dringend notwendig ist eine Verhaltenstherapie nicht nur wenn das Tier seinem Umfeld einen direkten oder auch indirekten Schaden zufügt, sondern vielmals auch, wenn aus dem Verhalten oder den zugrunde liegenden Gefühlen ein Schaden für das Tier selbst entsteht:

  • Aggression
  • Angst
  • Depression/reduziertes Verhalten
  • Unerwünschtes Verhalten
  • Fehlgerichtetes Verhalten
  • Verhaltensstörungen
  • Plötzlich auftretende Verhaltensänderungen
  • Auffallende Gehorsamsprobleme (beim Hund)

Aggression ist keine Charaktereigenschaft, sondern eine Problemlösungsstrategie, die sich aus einer subjektiv wahrgenommenen Extremsituation entwickelt und/oder sich im Laufe der Zeit als "erfolgreich" und wirkungsvoll erwiesen hat.

 

Die Möglichkeit dieser Lösungsstrategie in "für sich selbst als Problemsituation empfundenen Momenten" zu zeigen, steckt in ausnahmslos jedem Tier!

 

Aggression an sich gehört somit zum angeborenen normalen Verhalten!

 

Erst durch die Beobachtung wann, in welchem Zusammenhang und in welcher Intensität dieses Verhalten gezeigt wird, kann man erkennen ob es übersteigert, der Situation angemessen oder aus dem Blickwinkel des Tieres zwar angemessen, aber für andere Tiere oder Menschen störend oder gar gefährlich ist.

 

Da aggressives Verhalten in den meisten Fällen durch negative Gefühle wie Angst, Unbehagen oder Schmerz begleitet oder ausgelöst wird, kennzeichnet es einen unangenehmen körperlichen sowie geistigen Zustand, der an sich, auch ohne Folgen für das Umfeld, behandlungswürdig ist!

 

Angst ist ein Gefühlszustand, der allgemein betrachtet der Warnung vor und der Erinnerung von potentiell gefährlichen Situationen dient.

Dieser Gefühlszustand wird vom Körper in Sekundenbruchteilen ausgelöst, sobald er Hinweise auf eine Bedrohung erkennt. Angst ist somit nicht willentlich steuerbar!

 

Was genau als bedrohliche oder gefährliche Situation angesehen wird, beruht auf den angeborenen Mustern der Tierart, der Rasse, beziehungsweise den nahen Verwandten und den eigenen Lernerfahrungen, die ein Tier im Laufe seines Lebens gemacht hat.

Die Auslöser für Angstverhalten unterscheiden sich daher von Tier zu Tier, auch wenn es ähnlich oder gleich aufgewachsen ist oder aus der gleichen Familie stammt.

 

Es gibt für den Umgang mit einer bedrohlichen Situation bei Tieren vier Grundmuster (4F`s), die auch wieder stark von angeborenen und erlernten Faktoren beeinflusst werden:

Flight: Fliehen oder Flüchten

Freeze: Einfrieren oder Starr vor Angst werden

Flirt: Ablenken durch ein zur Angst nicht passendes Verhalten

Fight: Angreifen oder Kämpfen

 

Je nachdem welche Möglichkeit gewählt wird, fällt das Verhalten im Umgang mit dem Tier in der Öffentlichkeit weniger oder mehr auf. Der zugrunde liegende Gefühlszustand ist jedoch gleich und sollte, wenn er übermäßig oft oder übermäßig stark ausgelöst wird oder sich die Auslöser im Alltag nicht vermeiden lassen, auf lange Sicht behandelt werden.

 

Depression und reduziertes Verhalten kann sowohl aus organischen, als auch aus psychischen Gründen entstehen. Oft gab es ursächlich traumatische Ereignisse oder elementar wichtige Bedürfnisse des Tieres im Umgang und der Haltung, die nicht befriedigt werden konnten oder können.

 

Hieraus kann sich auf Dauer eine schwerwiegende Stoffwechsel - Imbalance entwickeln, die die Lebensqualität des Tieres stark einschränkt, bzw. das Ausführen von normalen Verhaltensweisen teilweise unmöglich macht.

 

Ein Tier in diesem Zustand ist in jedem Fall behandlungsbedürftig!

 

Unerwünschtes Verhalten bezeichnet Verhaltensweisen, die aus Sicht der jeweiligen Tierart, Rasse oder des einzelnen Tieres zwar normal sind, aber im Zusammenleben mit dem Menschen oder anderen Tieren in der Öffentlichkeit als problematisch oder störend wahrgenommen werden.

 

Fehlgerichtetes Verhalten bezeichnet Verhaltensweisen, die in ihrem Ablauf für die jeweilige Tierart oder Rasse zwar normal sind, jedoch auf ein falsches Ziel ausgerichtet werden. Dies kann für das jeweilige Tier selbst oder im Zusammenleben mit Menschen oder anderen Tieren in vielen Fällen störend und manchmal sogar gefährlich werden.

 

Als Verhaltensstörungen (z.B. Zwangsstörungen) werden Verhaltensweisen bezeichnet, die für die jeweilige Tierart nicht normal sind und die körperliche und geistige Gesundheit eines Tieres bei starker Ausprägung stark schädigen können.

 

Oft lassen sie sich auf vorübergehende oder ständige Einschränkungen wichtiger Bedürfnisse im Leben eines Tieres und einen hohen Stresslevel zurückführen; es gibt jedoch bei mehreren Hunde - sowie Katzenrassen auch eine angeborene höhere Wahrscheinlichkeit Verhaltensstörungen auszubilden.

 

Verhaltensstörungen sollten als ein Alarmzeichen für eine innere Unausgeglichenheit angesehen und so schnell wie möglich behandelt werden.

Es besteht die Gefahr, dass sich eine Art Abhängigkeit von dem begleitendem Gefühlszustand (Beruhigungs- und Glückshormon - Ausstoß während die Verhaltensweise gezeigt wird) entwickelt, die oft zu einer immer stärker werdenden Einschränkung von lebenswichtigen Verhaltensweisen führt!

 

Plötzlich auftretende Verhaltensänderungen lassen zumeist eine zugrunde liegende organische Erkrankung vermuten.

Dabei kann es sich z.B. um akute schmerzhafte Prozesse im Körper, entwickelte Stoffwechselstörungen, parasitäre, bakterielle oder virale Infektionen, Störungen in der Gehirndurchblutung, eine Beeinträchtigung der Sinnesleistungen, die sehr seltene Entwicklung eines Gehirntumors, oder die Folgen eines physischen oder psychischen Traumas handeln.

 

Die Anzeichen einer allmählichen Verhaltensänderung können im täglichen Umgang mit einem Tier jedoch auch leicht übersehen oder missverstanden werden, so dass eine verhaltenstherapeutische und medizinische Behandlung in manchen Fällen erst in den fortgeschrittenen Stadien der Erkrankung, bzw. bei einem sehr offensichtlich erkennbaren Problemverhalten erfolgt.

 

Gehorsamsprobleme lassen sich zumeist auf verschiedene Ursachen zurückführen, wobei manche vom Hund, andere vom Menschen oder dem Trainingsaufbau ausgehen.

In vielen Fällen beruhen die Gehorsamsprobleme auf einer Fehlkommunikation zwischen Mensch und Hund, das heißt:

 

  • die körpersprachlichen Signale, die ein Hund aussendet werden vom Menschen nicht verstanden, bzw. falsch beantwortet
  • die körpersprachlichen Signale des Menschen sind für den Hund nicht eindeutig oder widersprüchlich
  • die Hör- oder Sichtsignale des Menschen haben für den Hund keine klare Bedeutung, bzw. wurden ihm nicht genügend beigebracht
  • der Mensch hat falsche Vorstellungen von der Lernweise und den Bedürfnissen eines Hundes

 

In manchen Fällen lassen sich Gehorsamsprobleme auch auf eine vorübergehende oder ständige Lernbeeinträchtigung des Hundes zurückführen.

Sie äußert sich durch Konzentrationsschwierigkeiten, scheinbare Hyperaktivität, "Vergessen" von altbekannten Lektionen, zeitweilige Orientierungsprobleme oder trance - ähnliche Zustände.

 

Ursächlich dafür verantwortlich können sein:

 

  • ungenügende Reiz - Stimulation oder Isolation während der Aufzucht
  • chronischer oder akuter Stress - oder Angstzustand
  • angeborene hirnphysiologische Schäden (z.B. durch starke Verletzungen am Kopf)
  • Erkrankungen und Störungen der Sinnesorgane (z.B. Taubheit oder Sehstörungen)